Psychoanalytische Therapie in Gruppen

Einführung in die Psychoanalytische Gruppentherapie, Part 1


Die theoretischen Annahmen, von denen Therapeuten ausgehen, die psychoanalytisch ausgerichtete Gruppentherapie betreiben, sowie die Techniken, die sie anwenden, haben sich im Lauf der letzten drei Jahrzehnte stark verändert. Im Rahmen des vorliegenden Buches wäre es unmöglich—und unnötig —, die allmähliche Entwicklung und die vielfältigen Veraästelungen auch nur im Umriß darzustellen. Genau wie es viele Formen der Einzelpsychotherapie gibt, so gibt es nun viele Arten von Gruppenpsychotherapie.

Damit der Leser von den in diesem Buch enthaltenen Studien größeren Nutzen habe, werden im vorliegenden Kapitel auf der Grundlage einer von der American Mental Health Foundation achtzehn Jahre lang durchgeführten Forschungsarbeit einige wesentliche Züge der psychoanalytischen Gruppentherapie beschrieben. Weitere Arbeiten und Versuche mögen Veränderungen und Verbesserungen der hier vorgelegten theoretischen Annahmen und Techniken zur Folge haben. Die Ansichten der Autoren dieses Bandes bieten Ansatzpunkte für derartige Untersuchungen in der Zukunft. Die Beschreibung der Funktionsweise psychoanalytisch orientierter Gruppen in diesem Kapitel ist auch deshalb notwendig, weil viele Leser vie11eicht überhaupt keine praktischen Erfahrungen in der Gruppentherapie haben oder weil sie eventuell andere Formen der Gruppentherapie betrieben haben, die einige der hier berichteten praktischen Verfahrensweisen nicht umfaßten.

Im folgenden werden einige der Techniken und Verfahren beschrieben, die sich bei der Forschungsarbeit der Foundation als besonders wirksam herausgestellt haben. Wir möchten jedoch betonen, daß es in diesem Kapitel unsere Absicht ist, eine Reihe von Verfahren darzustellen, die für alle Formen psychoanalytisch orientierter Gruppentherapie nützlich sind. In eincm späteren Kapitel soll eine spezifische intensive Methode der Gruppentherapie beschrieben werden, die die Foundation erarbeitet hat.

Die von der Foundation gewonnenen Forschungsergebnisse über psychoanalytische Gruppentherapie sind den interessierten Kreisen fortlaufend durch Vorträge, Konferenzen, Seminare, Arbeitstagungen und Teilnahme an nationalen und internationalen Konferenzen mitgeteilt worden, vor allem aber durch Veröffentlichungen. Die erfolgreichste dieser Publikationen [Stefan de Schill, Introduction to Psychoanalytic Group Therapy, 6. revidierte Auflage, American Mental Health Foundation, New York, N.Y., 1969] wurde speziell verfaßt, um die Feststellungen der Foundation den Angehörigen von Berufen der psychischen Hygiene mitzuteiten; dadurch sollte den Therapeuten geholfen werden, zu lernen und ihr eigenes Verständnis der Gruppentechniken zu kläiren und zu verbessern. In zweiter Linie war dieser Text dazu gedacht, interessierte Kreise in bezug auf diese Arbeit und den Wert der psychoanalytischen Gruppentherapie aufzuklären; ferner wollten wir Psychotherapeuten, die schon psychoanalytische Gruppentherapie betreiben, eine informative Broschäre in die Hand geben, die sie zukünftigen Patienten zur Verfügung stellen konnten. Um diesen Zielen gleichzeitig gerecht zu werden, waren ein besonderes Format und ein besonderer Stil notwendig. Als die klinischen Studien und die experimentellen Arbeiten der Foundation Fortschritte brachten, mußten revidierte Auflagen veröffentlicht werden. Die Ergebnisse hätten leicht ausgereicht, um ein dickes Buch zu füllen. Die Nachteile der Verdichtung des Materials zu einer schmalen Broschüre wurden durch den Vorteil ausgeglichen, daß man damit in der Lage war, eine große Zahl von Lesern zu erreichen. Innerhalb kurzer Zeit wurde diese Broschüre auf dem Gebiet der Gruppentherapie in den Vereinigten Staaten zu dem am haüfigsten benützten Text—Medizinische Fakultäten, Kliniken und Angehörige der psychotherapeutischen Berufe haben etwa 80 000 Exemplare erworben.

Vor 1956 wurde festgestellt, daß ungefähr zwei Drittel der Personen, denen die Foundation Gruppentherapie empfohlen hatte, sich mit dieser Idee nicht befreunden konnten oder sie völlig ablehnten und Einzeltherapie verlangten. Außerdem schieden etwa 15 % derjenigen, die in eine Gruppe eintraten, in den ersten fünf Wochen wieder aus. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis wichtig, daß die meisten Leute, denen irgendeine Form von Gruppentherapie empfohlen wurde, vorher keinerlei Erfahrung mit Psychotherapie hatten.

In den zwölf Jahren jedoch, während deren Patienten, die vor dem Eintritt in die Gruppentherapie standen, die Broschüre bekamen, verminderten sich beide Zahlen—sowohl die Zahl derjenigen, die die Gruppentherapie ablehnten, als auch die Zahl der Ausscheidenden—um mehr als die Hälfte. Ähnliche Ergebnisse wurden von anderen Benützern der Broschüre berichtet.

Ob ein für die Gruppenpsychotherapie ausgewählter Patient anfänglich Widerstand gegen den Gedanken an Gruppenarbeit zeigt oder nicht, seine Vorbereitung dafür durch den Therapeuten ist eine notwendige, wenn auch oft mühsame Aufgabe. Ein Patient nach dem anderen wird die gleichen Fragen in bezug auf die Prinzipien und die Praxis der Gruppenpsychotherapie stellen. Wenn der Therapeut die AufnahmeInterviews einer Institution oder einer Klinik durchführt, können diese sich wiederholenden Fragen dazu führen, daß er weniger geduldig ist und sich weniger klar ausdrückt, als notwendig wäre, um die anfängliche Angst des Patienten herabzusetzen. Die gleiche Schwierigkeit erleben Therapeuten in der Privatpraxis, die mit Gruppen arbeiten.

Die Tatsache, daß ein Patient schon Erfahrung mit Einzeltherapie hat, vermindert nicht notwendig seine Fragen in bezug auf das gruppentherapeutische Verfahren, mit dem er Bekanntschaft machen soll. Oft tritt sogar das Gegenteil ein: Die Angst, sich in eine ganz neue klinische Situation gestellt zu sehen und das Ressentiment dagegen, die Aufmerksamkeit des Therapeuten mit anderen Patienten teilen zu sollen, bringt dann einen starken Widerstand gegen die Gruppenarbeit hervor, der sich in zahllosen Fragen und Einwänden ausdrückt.

Da es sich zeigte, daß viele der Antragsteller auf Überweisung durch die Foundation in eine Therapie für Gruppentherapie geeignet waren, haben wir in bezug auf Natur und Reichweite der yon prospektiven Patient en typischerweise gestellten Fragen beträchtliche Erfahrungen gesammelt.

Schließlich kamen wir zu der Ansicht, einem Therapeuten, ob er nun die Patienten in klinischem oder privatem Rahmen berät, konne viel unnötige Arbeit erspart bleiben, wenn man dem Patienten Literatur in die Hand geben könnte, in der eine grundlegende Erklärung der psychoanalytischen Gruppentherapie gegeben würde. Da die Patienten häufig einen Teil der verbalen Auskünfte, die sie bekommen haben, vergessen und dazu neigen, manche Fragen zu wiederholen, hielten wir derartige Literatur für doppelt nützlich.

Die »Einführung« ist in zwei Abschnitte eingeteilt. Teil I ist für Patienten bestimmt, denen Gruppentherapie empfohlen wird. Teil II ist für jene Patienten, die, nachdem sie den ersten Teil gelesen haben und möglicherweise nach weiterer therapeutischer Hilfeleistung durch ihre Analytiker, bereit sind, in eine Gruppentherapie einzutreten. Zum Vorteil dieser Leser ist der Text in Frage- und Antwortform gebracht worden.

Teil I: ist dazu bestimmt, Personen, denen man psychoanalytische Gruppentherapie empfohlen hat, mit den Prinzipien dieser Technik bekannt zu machen.

Wie bekomme ich heraus, ob ich bei der Bewältigung meiner emotionalen Probleme fachkundiger Hilfe bedarf?
Jeder Mensch, er mag noch so unerschütterlich und emotionell reif sein, kann aus angemessener fachkundiger Hilfe seinen Nutzen ziehen. Aber zunächst einmal müssen wir unsere Aufmerksamkeit den vielen Menschen zuwenden, die durch ihre psychischen Schwierigkeiten daran gehindert sind, ein nützliches und befriedigendes Leben zu führen.

Für Menschen mit emotionellen Störungen ist es oft charakteristisch, daß sie ihre eigenen Manifestationen und Symptome mißverstehen oder sogar nicht bemerken und es unterlassen, geeignete Schritte zu ihrer Beseitigung zu tun. Manche Leute zögern, sich selbst—und noch viel weniger anderen—einzugestehen, daß sie mit ihren eigenen Gefühlsreaktionen nicht angemessen fertigwerden können. Vielleicht erkennen sie nicht, daß die Unfähigkeit, selbständig emotionale Probleme zu überwinden, keineswegs ein Zeichen von Schwäche oder Mangel an Intelligenz ist. Die direkte Anwendung von Willenskraft zu diesem Zweck ist gewöhnlich sinnlos. Das gilt sogar für jene, die ziemlich viel über Psychologie und Psychotherapie wissen.

Im folgenden nennen wir ein paar Probleme, die auf ein Bedürfnis nach fachkundiger Hilfe hinweisen:

Schwierigkeiten in interpersonal en Beziehungen, Ehe und Elternschaft; Einsamkeit und Rückzugsverhalten; das Gefühl, den Kontakt zur Realität zu verlieren; Gefühle des Mißerfolgs; allgemeine Unzufriedenheit mit sich selbst und dem eigenen Leben; die Unfähigkeit, Dinge zu tun, von denen man das Gefühl hat, man sollte dazu in der Lage sein, wie z. B. sich konzentrieren, studieren oder arbeiten; wenn man sich gezwungen fühlt, Dinge zu tun, die man nicht tun will; häufiges Sichunglücklich-Fühlen; die Erwartung, etwas Schlimmes werde sich ercignen; ständige Sorgen und Befürchtungen aller Art; Albträume; Niedergeschlagenheit und Traurigkeit; beharrliche Gefühle, man werde verfolgt, getadelt oder ausgenützt; alles durchdringende Gefühle des Hasses oder der Verachtung; das Gefühl, minderwertig oder bei anderen unbeliebt zu sein und abgelehnt zu werden oder sich selbst nicht zu mögen; Gefühle großer Anspannung, Reizbarkeit oder Erregbarkeit; ständige Gefühle der Ruhelosigkeit.

Da die menschliche Seele eng mit dem Körper verbunden ist, kommt es vor, daß man körperliche Beschwerden hat, für die der Arzt keine organische Ursache finden kann. Diese Symptome sind häufig psychischen Ursprungs; sie zeigen in solchen Fällen die Notwendigkeit psychotherapeutischer Hilfe an. Beispiele sind Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, sexuelle Schwierigkeiten und Dysfunktionen, Herzklopfen, übermäßiges Schwitzen, Erschöpfung und Verdauungsstörungen wie häufige Obstipation, Durchfall und Magenschmerzen.

Wie bekamme ich heraus, welche Art van Hille ich brauche?
Viele Menschen machen den Fehler, sich lediglich auf Grund eines persönlichen Vorurteils, auf Grund von Hörensagen oder unter dem Druck anderer eine Form der Psychotherapie auszusuchen. Ein besserer Weg herauszufinden, welche Art von Psychotherapie gerade für Sie am geeignetsten ist, besteht darin, einen erfahrenen, fähigen Diagnostiker zu Rate zu ziehen, der mit der großen Vielfalt der zur Verfügung stehenden psychotherapeutischen Techniken völlig vertraut ist. Ein solcher Fachmann kann Ihnen raten, welche Art von Hilfe für Ihre individuellen Bedürfnisse am best en geeignet ist. Außerdem bieten viele psychotherapeutische Organisationen und Kliniken die Möglichkeit zu diagnostischen Gesprächen zu diesem Zweck. Bei diesen Sitzungen wird der Patient von einem kompetenten Fachmann interviewt, der vollständig in der Lage ist zu entscheiden, was für den Patienten psychotherapeutisch erforderlich ist.

Denken Sie daran, daß jede Auskunft, die Sie einem Psychotherapeuten über sich geben, streng vertraulich behandelt wird. Deshalb sollten Sie sich gestatten, in der diagnostischen Sitzung so freimütig wie möglich zu sein, um es dem interviewenden Psychotherapeuten zu ermöglichen, sich ein vollständiges und richtiges Urteil zu bilden.

Klinische Erfahrung und Forschung haben gezeigt, daß die Mehrheit der Menschen, die fachkundige Hilfe nötig haben, großen Nutzen von bestimmten Formen der Gruppenpsychotherapie haben kann, die man »psychoanalytische Gruppentherapie«, »Gruppenpsychoanalyse« oder »Psychoanalyse in der Gruppe« nennt. Diese Therapie wird häufig mit regelmäßigen oder gelegentlichen Einzelsitzungen kombiniert. In vielen Fällen hat man bei psychischen Störungen, die intensiver Einzelbehandlung nicht weichen wollten, dynamische Ergebnisse erzielt.

Wie funktioniert eine solche »psyehoanaiytische Gruppe»?
Die Gruppe besteht aus fünf bis zehn Personen. Die meisten Gruppen setzen sich aus Männern und Frauen zusammen; in anderen Gruppen beschränkt sich die Mitgliedschaft auf Angehörige eines Geschlechts. Die Zusammenkünfte dauern eineinhalb Stunden oder länger, je nach der Methode des Analytikers.

Der Therapeut pflegt immer, mit jedem neuen Gruppenmitglied, Anzahl und Art der wöchentlichen Sitzungen sorgfältig zu besprechen. Viele Gruppen kommen zweimal in der Woche zusammen, einmal mit dem Analytiker, einmal ohne ihn. Manche Gruppen treffen sich zu drei Sitzungen in der Woche, davon zweimal mit dem Analytiker. In anderen Fällen wird der Analytiker vorschlagen, daß eine Person an den Sitzungen von zwei verschiedenen Gruppen teilnimmt. Welcher spezifischen Gruppe oder Gruppen die Person zugeteilt wird, bestimmt sich nach ihren besonderen Bedürfnissen.

Die »abwechselnde Gruppensitzung«, die ohne den Therapeuten abgehalten wird, ist äußerst wertvoll, da Gefühle und Haltung eines Menschen in der Gruppe gewöhnlich recht verschieden sind, je nachdem, ob der Therapeut anwesend ist oder nicht. Diese Situation bringt deutlichere Hinweise für das Selbstverständnis mit sich. Außerdem helfen die abwechselnden Sitzungen, den Weg zur Selbstbehauptung und zur emotionalen Selbständigkeit zu bereiten. Manche Therapeuten organisieren ihre Gruppen jedoch so, daß es keine Sitzungen ohne den Therapeuten gibt.

Der Analytiker empfiehlt, ob regelmäßige oder nur gelegentliche Einzelsitzungen für ein Gruppenmitglied am nützlichsten sind. Einzelsitzungen können dann besonders angebracht sein, wenn das Widerstreben gegen die Psychotherapie oder gegen den Therapeuten sehr stark ist. Natürlich kommt derartiger Widerstand nicht nur in der Gruppentherapie vor, sondern bei jeder Form von Psychotherapie, die diesen Namen verdient.

Warum ist psyehoanaiytisehe Gruppentherapie so wirksam?
Es gibt viele Gründe, warum diese Form der Psychotherapie zur Erlangung emotionaler Einsicht und Reife yon hervorragendem Wert ist.

Wenn ein geschickter Therapeut psychoanalytische Gruppentherapie betreibt, zieht er die ganze moderne psychoanalytische Theorie und Technik heran. Die Methode umfaßt alle psychoanalytischen Grundelemente wie die Analyse der Übertragung und des Widerstands, freie Assoziation und Traumanalyse. Aber diese Form der Psychotherapie hat noch zusätzliche Züge, die ihr allein eigen sind; sie lassen sich in der Einzelbehandlung nicht nachahmen. Von diesen Zügen, die die Gruppentechnik so besonders wirksam machen, sind folgende am wichtigsten:

In einer Gruppe arbeiten die Mitglieder ihre Probleme in einer lebensechten Situation ständiger persönlicher Interaktion durch. Sie merken bald, daß andere ähnliche emotionale Schwierigkeiten haben wie sie selbst. Dadurch, daß der einzelne die Gefühle seiner Gruppengenossen versteht, gewinnt er rascher Einsicht in seine eigenen emotionalen Probleme und Reaktionen. Sein psychotherapeutischer Fortschritt wird fortwährend dadurch angeregt, daß er das, was die anderen Gruppenmitglieder erreichen, beobachtet, erfährt und miterlebt.

Die ständigen dynamischen Beziehungen zur Gruppe helfen dem einzelnen, eine übermäßige Abhängigkeit vom Psychoanalytiker aufzugeben, die sonst möglicherweise den Genesungsprozeß verlängern würde. Ein weiteres wichtiges Element sind die relativ niedrigen Kosten der Gruppenpsychoanalyse; dies vermindert die finanzielle Belastung, die andere Methoden der intensiven Therapie oft schaffen.

Ein hervorragender Faktor beim Zustandekommen der nützlichen Ergebnisse der psychoanalytischen Gruppentherapie ist die Menge und Vielfalt der zwischenmenschlichen Beziehungen, die in solchen Gruppen auftreten. Wenn eine Person nur zu Einzelsitzungen zum Therapeuten kommt, kann sie nur auf ein einziges Individuum reagieren, auf das sie in der Kindheit geformte emotionelle Muster projiziert (Übertragung).
Das Auftauchen und das Verstehen dieser Muster und Reaktionen sind in einer erfolgreichen Analyse erstrangige Faktoren. Darum könnte Einzeltherapie einschränkend wirken, da sie nicht die ganze Spielbreite der in einem Menschen begrabenen Gefühle heraufbeschwören kann. In der Gruppe rufen jedoch die verschiedenen Persönlichkeiten der männlichen und weiblichen Mitglieder eine Vielheit verschiedenartiger emotionaler Reaktionen hervor; dem einzelnen steht eine Reihe von Persönlichkeiten zur Verfügung, auf die er reagiert. Dadurch gelangt er zum Verständnis seiner eigenen Gefühle, Verhaltensschemata und Konflikte verschiedener Natur und Intensität.

In der Einzelsitzung sind dem Analytiker Grenzen gesetzt durch die subjektiv gefärbten Berichte des Patienten von Vorfällen und von der Art, wie er emotional auf sie reagiert hat. In der Gruppensituation können jedoch der Analytiker und die Gruppe klar und objektiv sehen, in welcher Weise die Abwehr- und Gefühlsmechanismen jedes einzelnen Gruppenmitglieds seine Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerren. So wird dem Gruppenmitglied geholfen, allmählich Einsicht in seine eigenen Abweichungen von der Objektivität zu gewinnen.

Menschen, die unerwünschte Persönlichkeitszüge und Verhaltensmuster haben, kann man in Gruppen besser helfen, diese Mängel zu überwinden, als in der Einzeltherapie. Schließlich kann der Psychotherapeut den Patienten nur in begrenztem Umfang auf solche Mängel hinweisen, denn er könnte ihn dadurch kränken und der therapeutischen Beziehung schaden. Unerwünschte Eigenschaften eines Menschen kommen jedoch oft durch Gruppen-Interaktion zum Vorschein, und Gruppenmitglieder können freimütiger darauf hinweisen. Die zugrundeliegenden Ursachen können dann analysiert und durchgearbeitet werden.

Da die Gruppensituation im Gegensatz zu der schützenden Atmosphäre der Einzelsitzung mehr der äußeren Welt gleicht, in der wir leben, bedeutet jede in einer Gruppe ausgedrückte und durchgearbeitete Gefühlsregung einen direkten Schritt vorwärts. Auf diese Weise erreichte Persönlichkeitsveranderungen sind meistens dauerhafter und abgeschlossener.

Soll ich mich einer Gruppe anschließen, auch wenn ich ein unbehagliches Gefühl dabei habe?
Viele Menschen haben am Anfang etwas dagegen, mit anderen Leuten zusammen in eine Therapie zu gehen, entweder, weil sie das Gefühl haben, sie würden nicht über ihre Probleme sprechen können, oder weil sie im Innersten andere Leute nicht mögen oder fürchten. Man muß sich aber daran erinnern, daß solche Ängste gew öhnlich direkt mit ihren Problemen zusammenhängen. Darum ist es viel vorteilhafter, diese Ängste durchzuarbeiten, anstatt sie zu vermeiden. Fast ausnahmslos lassen sie nach ein paar Gruppensitzungen nach.

Manche Leute haben den falschen Eindruck, die Psychoanalyse in Gruppen sei—weil sie weniger kostspielig ist—oberflächlicher als die übliche Einzelanalyse. Diese Personen möchten vielleicht nur Einzelsitzungen, um Zeit und Aufmerksamkeit des Analytikers ganz für sich zu haben, oder sie sagen vielleicht, sie wollten mit ┬╗den Problemen anderer Leute┬ź nicht belästigt werden. In der Therapie ist jedoch oft das, was befriedigender scheint—oder weniger schwierig —, keineswegs gleich zusetzen mit der wirksamsten und intensivsten Methode. Zwar gibt die verlängerte Dauer der Gruppensitzungen jedem Gruppenmitglied reichlich Gelegenheit, sich zu äußern, aber es muß betont werden, daß die Wirksamkeit keiner psychotherapeutischen Technik direkt proportional der Anzahl der Wörter ist, die ein Analysand spricht. Das Sprechen über die Probleme, deren wir uns schon bewußt sind, ist nur von untergeordneter Bedeutung. Eine viel wichtigere Aufgabe der Therapie besteht darin, die starken Gemütsbewegungen bewußtzumachen, die dem Menschen nicht bewußt sind, weil sie in der Kindheit verdrängt worden sind. Da wir diese blinden Flecke nicht kennen, können wir viele Bereiche, mit denen die Analyse sich befassen muß, nicht direkt angehen. Unsere tieferen Gefühle werden jedoch unweigerlich hervorgelockt, während wir in jedem Augenblick auf die durch die Äußerungen, das Verhalten und die Interaktion der Mitglieder ständig sich verändernde Gruppensituation reagieren.

Der Erfolg einer Therapie hängt weitgehend davon ab, in welchem Maß verdrängte Gefühlsregungen angeregt, zum Bewußtsein gebracht und durchgearbeitet werden. Die psychoanalytische Gruppentherapie regt die Gefühle oft intensiver und extensiver an, als es Einzelsitzungen tun; so können wichtige Bereiche emotionaler Störungen ans Licht gebracht werden, die unter anderen Umständen gar nicht zutage getreten wären.